Wort zur Woche

von Pfrn. Susanne Michels

Mut zur Angst

Mitten in einem durchgeplanten Tagesablauf kam der Anruf, der mich zum Corona-Test bat. Ich hatte Kontakt mit einer an Covid-19 erkrankten Person gehabt. Trotz eines negativen Ergebnisses musste ich in Quarantäne. Plötzlich war ich herausgerissen aus meinem Alltag, isoliert, auf Abstand zur Welt. Nur über Internet und Zeitung kamen Nachrichten in die Wohnung: immer weiter steigende Infektionszahlen. Und ich war selbst betroffen.

Wie gut, dass es in unserem Pfarrsprengel einen Telefongottesdienst gibt, den auch eine Pfarrerin in Quarantäne gestalten und mitfeiern kann. Im Gottesdienst erzählte ich von meiner Quarantäne. Am nächsten Morgen erreichten mich per Handy aufmunternde Grüße und Blumenfotos einer älteren Gottesdienstteilnehmerin. Ich freute mich. Es tat gut, nicht vergessen zu sein. Ich dankte und schrieb ihr von meiner Angst vor der Krankheit, die bei mir noch ausbrechen könnte. Sie antwortete, ich bräuchte keine Angst zu haben, hätten wir doch einen Gott, der auf uns achtet und für uns sorgt. Wie gut tat dieser überzeugte Zuspruch!

Und doch blieb meine Angst und das Mitleiden mit denen, von deren Symptomen ich erfuhr. Ich erlebte: Angst zu haben, ist menschlich, weil wir eben nicht Gott sind, sondern Gottes verletzliche Geschöpfe.

Am nächsten Tag saß ich im Hof in der Sonne und las. Ich stieß in einem Magazin auf den Satz: „Den christlichen Glauben zeichnet ein spezifischer Mut zur Angst aus, keineswegs völlige Angstlosigkeit. Deshalb kann es im Johannesevangelium heißen: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich [Jesus] habe die Welt überwunden.“

Die ältere Dame freute sich, als ich ihr diesen Satz schrieb. Und ich fasste Mut zur Angst. Ich ließ die Angst zu, richtete meine Aufmerksamkeit aber auf das, was es an Beglückendem auch in den Quarantänetagen gab. Ich ließ mir die Anteilnahme anderer Menschen guttun und nahm mir vor, selbst noch aufmerksamer darauf zu achten, wem meine Anteilnahme und mein Trost guttun könnte.

So erlebte ich die Quarantäne getrost - trotz meiner Angst.

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