Wort zur Woche

von Dr. Elisabeth Hackstein

Gesicht zeigen

Corona verändert die Regeln: Gesicht bedecken heißt es überall. Stimmt, es ist wichtig und richtig, die Maske zu tragen. Damit zeigen wir, dass wir auf einander achten und die Gesundheit der anderen im Blick haben. Wer meint, im Supermarkt Gesicht zeigen zu müssen, verhält sich rücksichtslos.

Corona verändert Regeln, aber es wirkt auch wie ein Vergrößerungsglas, das unseren Blick auf gesellschaftliche Schieflagen lenkt, z.B. im Bildungsbereich und in der Pflege. Den Blick auf Missstände bei uns hat Corona geschärft.

Corona wirkt aber auch wie eine dunkle Brille, wenn der Blick die nationalen Grenzen verlässt. „Corona bremst Flüchtlingsrettung im Mittelmeer aus“, lese ich. Sichere Häfen werden für private Rettungsschiffe geschlossen und nationale Küstenwachen überhören so manches Mal die verzweifelten Rufe: „Hilfe, wir ertrinken!“

Und in Syrien tobt seit neun Jahren ein erbitterter Krieg. Der Zivilbevölkerung fehlen Schutz, Lebensmittel und medizinische Hilfe. Nach neuem UN-Beschluss steht nur noch ein Grenzübergang offen, um dringend benötigte humanitäre Hilfe zu leisten, wohl wissend, dass Hundertausenden Kindern der Hungertod droht. Immer mehr Menschen werden in die Flucht getrieben und machen sich auf gefahrvollen Wegen auf nach Europa, auch über das Mittelmeer.

Warum schweigst Du Gott zu all dem Leid? frage ich und kenne seine Antwort: Es ist an uns, „Gesicht“ zu zeigen, Mund und Nase bedecken, aber die Augen nicht verschließen. Nicht Gott lässt die Menschen in Syrien und auf dem Mittelmeer im Stich, wir tun es. Gott hat uns eine Stimme gegeben, damit wir laut werden für die Menschen in Not. Er hat uns Hände gegeben, einander zu helfen, den Menschen nah und fern. Er hat Mut in unsere Herzen gelegt, damit wir Zivilcourage zeigen, auch wenn wir angefeindet werden. „Gesicht zeigen“ heißt: Laut werden für den Frieden und das Recht auf Leben, damit wir auch in der durch Corona belasteten Zeit die Not und das Sterben in den Kriegsgebieten und auf den gefahrvollen Fluchtwegen nicht vergessen.

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