Wort zur Woche

von Pfrn. Susanne Michels

„Der Virus ist stärker als Gott“, lese ich in der Zeitung und spüre, wie dieser Satz Widerstand in mir auslöst. Er macht mich wütend. Was soll das für ein Gott sein, der nicht stärker ist als ein Virus? Der Gott der Christinnen und Christen, der Gott der Jüdinnen und Juden, auch der Gott der Musliminnen und Muslime hat Himmel und Erde erschaffen: Jedes Geschöpf, jedes Element, jedes Atom. Jeden Virus. Gott ist stärker, viel stärker, Gott ist schöpfungsstark!

Klar kann man fragen, warum und wozu hat Gott die Viren erschaffen. Aber zu behaupten, ein Virus sei stärker als Gott, zeugt von wenig Wissen um das, was Menschen, die an Gott glauben, eigentlich glauben.

Auch ich frage mich, warum stoppt Gott die Ausbreitung des Virus nicht. Manche beschäftigt die Frage: Warum rettet der starke Gott seine Geschöpfe nicht vor Krankheit und Tod? „Ob Gott uns damit bestrafen will?“, fragte mich eine Frau, die ich vor der Kirche treffe. „Krankheit ist keine Strafe Gottes“, heißt es klar im Wort der Kirchen in Deutschland. Das glaube ich auch. Aber was hat Gott dann mit diesem Virus zu tun?

Meine Wut bei der Zeitungslektüre und die Frage der Frau vor der Kirche, gehen mir nach. Ich denke weiter: Erst einmal sind wir Menschen es, die etwas mit dem Virus zu tun haben. Menschen dringen immer weiter in Lebensräume vor, in die sie nicht hineingehören, in Urwälder etwa. Sie tragen von dort Viren in ihre gewohnten Lebensräume, Viren, die stärker sind als der Mensch. Viren, die sich weltweit ausbreiten können, weil auch der Mensch weltweit handelt und wandelt.

Aber was ist mit Gott? Die Frage bleibt herausfordernd. Ich komme gedanklich zu dem Schluss: Auch wenn unser menschliches Tun uns und die Erde bedroht, nimmt Gott uns die Freiheit nicht, die er seinen Geschöpfen geschenkt hat. Das ist stark! Und Gott nimmt uns die Verantwortung nicht. Wir müssen mit dem Virus fertig werden. Zum Glück hat Gott uns dazu Fähigkeiten gegeben: Verstand, Solidarität, Lernfähigkeit. Und: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (1. Brief an Timotheus in der Bibel).

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