Moment Mal

von Superintendentin Eva-Maria Menard

„Alt wie in Baum möchte ich werden, genau wie der Dichter es beschreibt.“

Ich liebe diese Hymne des Ostrocks, die ich zum ersten Mal als 7-jährige auf der Puhdysplatte meines großen Bruders hörte und begeistert mitsang. Bis heute darf dieser Song auf keiner Ü-30 Party fehlen und alle, - wirklich alle - singen mit.

Der Dichter, der in dem Lied erwähnt wird, heißt Louis Fürnberg; sein Gedicht beginnt so:

Alt möcht` ich werden wie ein alter Baum, mit Jahresringen, längst nicht mehr zu zählen, mit Rinden, die sich immer wieder schälen, mit Wurzeln tief, dass sie kein Spaten sticht.

Als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten hatte Fürnberg vielleicht das Lied aus der Bibel vor Augen:

„Gesegnet ist der Mensch, der nicht dem Vorbild der Frevler folgt, sondern sich an den Weisungen Gottes erfreut. Er gleicht einem Baum, der am Wasser gepflanzt ist. Früchte trägt er zu seiner Zeit und seine Blätter welken nicht. Alles, was er tut, gelingt ihm gut.“

Ein starker Baum ist von alters her Sinnbild von Lebenskraft, von festem Halt und weitem Horizont.

Vielleicht müssen wir uns bald neue Sinnbilder suchen, denn gestern hörte ich im Radio, dass vier von fünf Bäumen in Deutschland krank sind. Die Trockenheit der letzten Jahre hat ihnen alle Kraft aus den Wurzeln gezogen. Schädliche Pilze oder der Borkenkäfer konnten sich unter der Rinde festsetzen. So geschwächt, fallen sie schnell einem Sturm zum Opfer.

Ich benötige allerdings kein Radio, das mir das sagt: Meine alten Eltern wohnen am Harz und immer wenn wir sie besuchen, gehen wir wandern. Von Kindesbeinen an sind mir lauschige Wege unter dunklen Tannen und knorrigen Eichen vertraut. Seit einigen Jahren sind die Wanderwege kaum wieder zu erkennen. Die Bäume fehlen. Manche hat der Sturm hinweg gefegt; andere Bäume wurden krank vor ihrer Zeit gefällt. Zurück bleiben riesige Rodungswüsten mit traurigen Baumstümpfen, die sich - wenn es gut geht - irgendwann wieder erholen und junges Grün ansetzen. Unter weiten Kronen alter Bäume werde ich allerdings dort kein Picknick mehr genießen können.

Bisweilen müssen alte Bäume auch dem Straßenbau weichen oder stören im Bild eines vermeintlich gepflegten Gartens. Das gibt mir immer einen Stich und ich frage mich oft, ob das wirklich notwendig war, den Baum zu fällen.

Wenn ein alter Baum auch Sinnbild für uns Menschen ist mit Jahresringen, die von unseren Leben erzählen; mit tiefen Wurzeln, die uns nähren, mit einer blätterreichen Krone, die zum Träumen einlädt, was wird dann aus uns Menschen, wenn die alten Bäume verschwunden sind? Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch, heißt es. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Wald es schafft und unser Tun für seinen Erhalt Früchte trägt. Gott segne uns dazu.

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