Moment Mal

von Pfarrer Olaf Glomke

Zeit ohne Segen?

Zusammengesunken sitzt die Patientin auf ihrem Bett. Die Visite ist gerade raus. Sie spürt noch den Luftzug der sich schließenden Tür.

Das waren viele Worte, viele fremde Worte. Alles ging so schnell. Rauschte an ihr vorüber. So ist das also. Sie hat es gewußt. Oder doch zumindest geahnt. Alle Untersuchungen sind gemacht. Jetzt hat sie eine Diagnose. Der Chefarzt hat ihr verschiedene Therapien vorgeschlagen. Nun soll sie sich entscheiden. So ist das also.

Mit einem Mal ist alles anders. Die Krankheit hat sie unerwartet getroffen. Sie „solle sich in Geduld üben. Die Heilung braucht Zeit“. Gerade das, was sie am wenigsten hat – Geduld – dass braucht sie jetzt am dringendsten. Der Frühling steht vor der Tür - der Garten muss warten. Und was ist mit der geplanten Reise? Findet nicht statt!

Die Therapie hat begonnen. Sie übt sich in Geduld. Ihre Mit-Patientinnen kommen und gehen. Da ist sie schon neidisch. Ein Tag folgt dem anderen. Sie hat viel Zeit. Doch Sie merkt dabei, Zeit zu haben ist nicht nur schlecht. Der Sohn hat ihr ein Fotoalbum mitgebracht. Mit jeder Seite blättert sie eine neue Erinnerung auf. Fotoalben sind dankbare Bücher. Das besondere an ihnen ist: Es gibt in ihnen nur schöne Erinnerungen. Was nicht schön war, hat man nicht fotografiert. Sie schlägt eine neue Seite auf. Die Konfirmation ihres Sohnes. Sie erinnert sich sehr genau an den Moment, als der Pfarrer ihn segnete: „Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten.“ Eltern wünschen ihren Kindern viel Gutes, da kann der Segen Gottes nichts schaden.

Ihre Konfirmation liegt lange zurück. Was ist aus ihrem Segen geworden? Sie ist unsicher. Ist nicht die Zeit einer Krankheit, eine Zeit ohne Segen? Kann man in dieser Zeit glauben? Wo ist Gott da? Auf einer Postkarte oder war es ein Kalenderblatt hat sie einmal einen Spruch gelesen. Er hat ihr gefallen, deshalb hat sie ihn aufgehoben: „Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Herr!“ (Psalm 25,6)

Sie denkt nach. Muss man Gott vielleicht manchmal daran erinnern, dass er für seine Menschen da sein will? Ich werde es ihm sagen, beschließt sie. So am Abend, so kurz vor dem Einschlafen: „Gott, erinnere dich! Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Herr.“

Die langen Tage werden nicht kürzer, dennoch sie hat das Vertrauen: Sein Segen gilt.

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