Moment Mal

von Pastorin Karolin Theiß

Es ist Samstagmorgen, die Familie sitzt am Frühstückstisch. Da klingelt es. Es ist eine ältere Nachbarin aus der Straße. Ich sehe sie seit längerer Zeit zum ersten Mal draußen - und jetzt steht sie vor unserer Tür, mit ein paar Rosenzweigen in der Hand, die sie von ihrem Strauch abgeschnitten hat. Sie wolle nur eine kleine Freude machen, sagt sie, und kehrt zurück in ihr Haus.

In der letzten Zeit muss ich manchmal an diesen kurzen Besuch denken. Auch, weil die kleinen Rosen seit Wochen in unserer Küche stehen und mit jeder verblühten Blüte eine neue auftaucht.

Es ist schön, in einer Nachbarschaft zu wohnen, in der man einander kennt und einander aushilft. Vor zwei Jahren bin ich mit meinem Mann und unseren Kindern aus Berlin in die Prignitz gezogen. Und – keine Frage – in Berlin hatten wir auch nette Nachbarinnen und Nachbarn. Aber hier ist das Verhältnis ein anderes. Man grüßt sich, man kennt sich, man weiß, wo man einen Streuwagen zum Rasensäen ausleihen kann und wo Waffeln abgegeben werden dürfen, wenn man viel zu viele gebacken hat.

„Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken“. Diesen Vers aus dem Hebräerbrief der Bibel (Hebräer 10,24) hatten sich zwei junge Menschen für ihren Traugottesdienst ausgesucht, den ich in diesem Sommer leiten durfte. Den beiden gefällt der Vers so gut, weil er beschreibt, was ihnen im Leben wichtig ist. Ursprünglich richtete sich der Hebräerbrief an eine junge Kirche im 1. Jh. Und er beschreibt hier in wenigen Worten, wie Gott sich menschliches Zusammenleben vorstellt und wie es gelingen kann, damals wie heute. Innerhalb der Kirche und darüber hinaus – in der Stadt, auf dem Dorf, in der Seniorenwohnanlage, auf der Arbeit: „Lasst uns aufeinander achthaben“.

Manchmal ist das Leben stressig, der Tag zu kurz und die To-Do-Liste zu lang. Dann ist es schön, wenn mich jemand sieht und fragt, wie es so geht. Eine Einladung auf einen Kaffee, eine Nachricht auf dem Handy, ein kurzer Anruf. Es ist gut, zu merken: Jemand hat mich im Blick.

Manchmal sprudelt man über vor Freude, weil man gerade großartige Neuigkeiten erfahren hat. Dann ist es schön, sie mit einem anderen Menschen teilen zu können. Und wenn Sorgen quälen oder die Sehnsucht nach einem geliebten verlorenen Menschen zu groß wird, ist es gut, wenn ich weiß, wo ich ein offenes Ohr finden und eine Tasse Tee bekommen kann.

„Ich wollte nur eine kleine Freude machen.“ Diese Worte der Nachbarin sind immer noch in meinem Ohr. Und jetzt bin ich dran. Wem könnte ich eine kleine Freude machen, einfach, in dem ich für sie oder ihn da bin?

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