Moment Mal

von Pfarrer Marcel Borchers

In welcher Welt leben wir eigentlich?

Als eine der ersten öffentlichen Reaktionen auf die Ermordung des Arztes Fritz von Weizsäcker bei einem Vortrag in einer Berliner Klinik konnte ich in den Nachrichten darüber einen Tweet des Bundesvorsitzenden der FDP lesen. Mehr als ein Parteifreund ist er gewesen, einfach ein Freund. Und so schreibt er: „Ich bin fassungslos und muss meine Trauer teilen. Einmal mehr fragt man sich, in welcher Welt wir leben.“ Als ich das lese, stocke ich beim letzten Satz. Denn ich frage mich, ob die Frage nach der Welt, in der wir leben, angesichts des Schmerzes der Angehörigen und Freunde angemessen ist. Sollte es denn nicht zuerst um eben diese Menschen gehen?

Ich kann mir diese Frage leisten. Denn ich habe nicht einen Freund verloren. Und bei allem, was hier geschrieben ist, muss deutlich sein: diese Frage nach der Welt, in der wir leben, kommt aus der Trauer und dem Schmerz eines Menschen, für den die Welt gerade erschüttert wurde.

Trotzdem lese ich sie mit Sorge. Denn ich lese sie als eine Nachricht. Ich lese sie unter vielen Nachrichten, die eigentlich furchtbare persönliche Tragödien sind. Und ich erlebe oft, dass die Gespräche über diese Nachrichten sich nicht um die Menschen drehen, denen diese Tragödien zugestoßen sind. Sie drehen sich viel um die Zustände unserer Zeit und darum, wer daran schuld ist. Jemand soll verantwortlich gemacht werden. Es überwiegen nicht Trauer und Mitgefühl, sondern Zorn und Wut. Der Mensch, um den es geht, gerät aus dem Blick.

Ein Blick auf Twitter ein paar Tage später zeigt: der trauernde Freund muss sich distanzieren von Kommentaren, die seine Trauer missbrauchen, um zu hetzen und Stimmung zu machen gegen Menschen. Meine Sorge hat sich bewahrheitet.

Und hat sie auch nicht. Denn mit näherem Blick auf die Reaktionen wird deutlich: viel mehr Menschen haben dazu nichts anderes zu sagen, als ihr Beileid und ihr Mitgefühl auszudrücken. Es geht doch um den Menschen.

In welcher Welt leben wir eigentlich? Wir leben in einer zerbrechlichen Welt. Sie ist tatsächlich in Gefahr, immer wieder. Sie ist in Gefahr, wo Gewalt Menschen zerbricht und mehr Gewalt wächst aus der Lücke, die sie hinterlassen. Sie kann gestärkt werden – da, wo Mitgefühl gemeinsam gepflanzt wird und gepflegt mit dem Achten aufeinander.

Am kommenden Sonntag ist der erste Advent. Vielleicht lassen seine Lichter wieder unsere Mitmenschen deutlicher werden, wenn wir auf die Welt schauen. Sie sind die Welt, in der wir leben.

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