Wort zur Woche

von Superintendentin Eva-Maria Menard

„Hol Dir dein Land zurück“  lese ich am Laternenpfahl, Weiße Schrift auf blauem Grund.
Ich befrage die Landzurückholanbieter an ihrem Stand: Welches Land meinen sie damit? Die DDR wohl nicht, denn ich lese auch „Freiheit statt Sozialismus“. Der eine zeigt auf die mächtige Kirche gleich nebenan und findet: Das war doch eine gute Zeit, damals, als die gebaut wurde. Zurück also ins 19. Jahrhundert? Der andere meint, dass die 50er Jahre in Westdeutschland gute Jahre waren. Oje, als Frau hätte ich da nur mit Erlaubnis meines Mannes arbeiten oder den Führerschein machen dürfen. Die 80er? Da war die Anzahl der Tötungsdelikte doppelt so hoch wie heute. Zum Schluss sagen sie entnervt: Is’ halt’ so ein Wahlkampfspruch. Aha.

Die Bibel kennt die uralte und sehr menschliche Sehnsucht nach Heimat, Sicherheit und Wohlstand. Sie erzählt die Geschichte von einem Volk, das sich aus Unterdrückung und Willkür befreite und aufbrach in ein neues Land, in dem „Milch und Honig“ fließen sollten. Unterwegs geht so einiges schief. Die Wüste, durch die sie müssen, ist unwirtlich, es mangelt an Wasser und Brot, der Weg ist oft unklar, die Probleme wachsen und die Führungskräfte zeigen Schwächen. Und dann kommen einige, die ihnen Angst machen vor den gefährlichen Riesen, die im Land hausen. War damals eine fake news. Aber Angstmachen wirkt: Einige wollen zurück, zurück in die Unfreiheit, zurück in die vermeintliche Sicherheit. Zurück in bessere Zeiten, die nur im Rückblick besser erscheinen.

Die anderen kämpfen um das verheißene Land, nicht immer mit fairen Mitteln. Es dauert, bis sie begreifen, dass sie mit ideologischer Grenzziehung und sozialer Gleichgültigkeit ihren Wohlstand, ihre Heimat und ihre eigene Zukunft aufs Spiel setzen. Und sie hören auf ihre Propheten:
Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen! Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen und eure Wunden heilen schnell.

Kein Wahlkampfspruch, sondern tragende Hoffnung. In einem solchen Land will ich gern leben.

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