Moment Mal

von Superintendent i.R. Peter Heß

Nicht ohne Güte und Erbarmen

Auf Almosen kann ich verzichten! Ich lasse mir nichts schenken! Nur keine Abhängigkeit! Wir wollen auf eigenen Beinen stehen. Mit Können, Fleiß und Leistung wollen wir uns die Grundlagen unseres Lebens schaffen.

Lebensleistung als Begründung einer gerechten und angemessenen Versorgung im Alter geht. Das habe ich mir verdient. Das steht mir zu. Anerkennung und Wertschätzung von Leistung und Einsatz, Gerechtigkeit als angemessene Entsprechung für mein Tun.

Wenn ich mich umschaue, finde ich in der Wirklichkeit oft wenig davon. Die Einen, die sicher großes leisten, etwa in Wirtschaft, Finanzwelt und Sport werden unverhältnismäßig, ja unanständig hoch belohnt. Grundlage fürs Leben, würdiges Leben, kann das nicht sein.

Die Anderen, die den ganzen Tag fleißig arbeiten, haben große Mühe um mit dem Lohn oder der Rente über die Runden zu kommen. Würdiges Leben sieht anders aus. Hier geht es um die blanke Existenz und um Anerkennung und Würde. Leben von Barmherzigkeit ist doch weltfremd. Oder? Was aber ist, wenn wir zuweilen dennoch davon reden, dass wir in der Gefahr stehen, der Unbarmherzigkeit ihren Lauf zu lassen?

Jesus erzählt eine Geschichte, in der er dieser Frage nachgeht. Kurz gefasst: Ein Winzer sucht in der Saison am Morgen auf dem Markt Arbeiter, stellt sie ein und verabredet einen Tageslohn (12 Std. = 1Denar etwa 64,- € ). Weitere 4 Male stellt er Arbeiter ein (früher Vormittag, später Vormittag, früher Nachmittag, später Nachmittag). Jedesmal wird der Tageslohn vereinbart. Zum Feierabend, zur Lohnzahlung, beginnt er mit den Letzten und zahlt den Tageslohn. Die Ersten rechnen schon hoch, erhalten aber wie die anderen den verabredeten Tageslohn.

Unzufriedenheit und der Prostest wird laut. Der Arbeitgeber verweist auf die Verabredung und damit auf seine Vertragstreue. Darüber hinaus führt er seine Entscheidungsfreiheit ins Feld. Die fleißigen, aber unzufriedenen Arbeiter entlässt er mit der Frage: Seid ihr neidisch, weil ich so gütig bin? Jesus beschreibt mit dieser Geschichte kein betriebswirtschaftliches Modell. Vielmehr lenkt er damals und heute unsere Aufmerksamkeit auf Gottes Handlungsmodell. Die Leistung wird nicht gering geachtet. Das lässt diese Geschicht erkennen. Noch etwas wird erkennbar.

Der Tageslohn soll den Bedarf beschreiben, der für einen Tag nötig ist. Die Frage, warum nicht alle Arbeiter am Morgen eingestellt werden, bleibt offen. Sicher ist, daß die soziale Situation damals nicht die gut gestellten auf den Markt trieb. Es ging um Lebensnsnotwendiges.

Unser tägliches Brot gib uns heute. So beten wir im Vater unser.

Das tägliche Brot, der tägliche Bedarf steht auf der Tagesordnung. Sparen und Rücklagen waren kaum das Thema. Güte und Barmherzigkeit wollen also den Tagesbedarf stillen.

Sicher kommt da die Frage nach dem Umfang, der heute zu beschreiben wäre. Dabei rücken auch unsere Ansprüchen in den Blick, das Lebensniveau. Dabei merken wir schnell, wie schwierig das Ganze wird, je länger wir uns damit auseinandersetzen. Jesus möchte wohl unsere Aufmerksamkeit auf das Lebensnotwendige lenken. Dabei wird jenseits dessen, was als Leistung vorzuweisen ist, immer wieder Güte und Barmherzigkeit notwendig sein. Ein Miteinander, das den Anderen in seiner begrenzten Leistungsfähigkeit (nicht Leistungswilligkeit) fallen lässt wird in der Kälte der Unbarmherzigkeit erstarren. Momente, in denen wir selbst solche Güte brauchten, haben wir wohl alle erlebt.

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