Moment Mal

31.12.2018 08:00 von Superintendentin Eva-Maria Menard

Zwischen den Jahren

Im Büro wird sich verabschiedet, als würde man sich Monate nicht sehen, der Schreibtisch ist aufgeräumt, als müsste man auf Wochen nicht an ihm sitzen, der Einkaufswagen bepackt, als wäre eine Antarktisexpedition geplant. "Frohes Fest“ rufen die Verkäuferinnen mir zu und gleich noch „Guten Rutsch!“.

Und dann beginnt sie, diese Zeit, in der ich vergesse, welcher Wochentag ist. Diese seltsame Zeit, die sich unendlich dehnt und dann doch viel zu kurz ist. Eine besondere Zeit ist das: „Zwischen den Jahren“. Es sind nur wenige Tage, aber das Zeitgefühl geht verloren. Der Kalender ist leer, die Stunden aber dennoch gefüllt und erfüllt.

Zwischen den Jahren bleibt alles anders: Gestern und heute weht der Wind durch die dunkle Stadt. Gestern und heute: Vorjähriges Laub, Plastedosen, Folien hängen sich in die Zweige der Bäume. Gestern und heute: frühe Nachmittagsdämmerung mit Nieselregen. Dunkler Abend. Schwarze Nacht. War das erst vor einer Woche: Reise in die Kindheit mit Lichterbaum und „O, du fröhliche“, Gänsebratenduft, Kerzen für die Nachmittage, mit Dominosteinen und Pfefferkuchen?

Zwischen den Jahren ist Zeit für Bilanz und Rückblick auf gelebtes Leben. Erinnerungen kommen: An Gutes mit Wehmut, an Böses mit Fragen. Erinnerungen an Trauer und Wut und Belanglosigkeit, an Geschafftes und Überwundenes. Eine alte Bußlitanei aus dem 13. Jahrhundert lädt mich ein, das vergangene Jahr anhand folgender Fragen zu bedenken.

  1. Wo habe ich gelacht und war nicht fröhlich?
  2. Wo habe ich geschwiegen und hätte reden müssen?
  3. Wo habe ich geredet und hätte schweigen wollen?
  4. Wo bin ich einer Schwierigkeit ausgewichen, statt sie anzugehen?
  5. Wo habe ich Ohnmacht nicht ausgehalten?
  6. Wo bin ich nicht meinen Überzeugungen gefolgt?

Mir fällt eine Menge ein … .

Vorsichtig gehen meine Blicke auf Kommendes: Aufgaben, Herausforderungen und betriebsame Zeit. Zwischen den Jahren ist die Zeit für Zukunftsprognosen, gute Vorsätze und Pläne. Eine Runde weitermachen. Das Jahr 2019. Was wird es bringen? Ich nenne es A.D. 2019. Anno Domini 2019, übersetzt: Im Jahr des Herrn 2019. Ja, was das Neue Jahr auch bringen wird, ich verliere nicht die Zuversicht, dass das kommende Jahr ein von Gott gesegnetes Jahr wird. Und ich persönlich nehme mir vor, dass ich lache, wenn ich fröhlich bin, dass ich rede, wenn es Not tut und schweige, wenn es angebracht ist. Es soll ein Jahr werden, in dem ich den Schwierigkeiten nicht ausweiche. Ein Jahr, in dem ich lerne, Ohnmacht auszuhalten und ein Jahr, in dem ich meinen Überzeugen folge und nach ihnen handle. Und wenn mir das alles (wieder) nicht gelingt, dann vertraue ich darauf, dass ich dennoch nicht aus Gottes Hand falle.

Einen gesegneten Jahreswechsel und ein gutes A.D. 2019!
Ihre Eva-Maria Menard

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